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21. August 2018

Digitalisierung bottom up

Change Management der anderen Art: Bei der Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte/Wohnstadt sitzen im Rahmen der Digitalisierungsstrategie 2025 die Mitarbeiter, Berater und Startups an einem Tisch. Unkonventioneller Gedankenaustausch und gegenseitige Inspiration sind so vorprogrammiert. Fairness und Respekt bilden eine solide Basis. Die eigens initiierte Plattform hubitation übernimmt dabei die Funktion eines Startup Accelerators. Passende Ideen werden später gemeinsam umgesetzt.

„Wir wollen uns auf eine Reise begeben, wissen aber noch nicht, wohin es geht und was wir dafür im Detail benötigen: Welche Ausrüstung, wie viel Proviant, welche Begleiter? Durch unsere Digitalisierungsstrategie wollen wir eine klare Vorstellung von unserem Reiseziel erlangen, so dass wir die Strecke bestimmen und das notwendige Equipment einpacken können.“ Mit dieser Metapher eröffnete Dr. Thomas Hain, Leitender Geschäftsführer der Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte/Wohnstadt, im Januar 2018 den ersten unternehmensinternen Workshop zur Digitalisierungsstrategie 2025, angesiedelt unter dem Dach des neuen Kompetenzcenters Unternehmensentwicklung. Dessen Kernaufgabe: Innovationsmanagement in all seinen Facetten, um die Zukunftsfähigkeit aller Geschäftsfelder der Unternehmensgruppe nachhaltig zu sichern. Außerhalb des Tagesgeschäfts identifiziert und analysiert dieses Kompetenz-Team um Dr. Sven Groth als Impuls- und Ratgeber aktuelle wirtschaftliche Themen, die für das Wohnungs- und Stadtentwicklungsunternehmen von Relevanz sind oder in naher Zukunft sein könnten. Bei positiver Bewertung werden diese dann konkret als Projekt angelegt und unter interner wie auch externer Beteiligung umgesetzt.

Interne Kampagne begleitet Change Management

Dabei kommt der schrittweisen Implementierung im Konzern eine besonders große Rolle zu. „Ähnlich wie bei der Einführung unserer Nachhaltigkeitsstrategie liegt unser Fokus erneut auf den Mitarbeitern, die unterschiedliche Einstellungen – und zum Teil auch Vorbehalte bis Ablehnung – zum vielfältigen Thema Digitalisierung mitbringen. Sie sind jedoch in Zukunft wesentliche Garanten für das Gelingen“, erläutert Dr. Hain. Deshalb erfordert die Digitalisierungsstrategie 2025 einen umfangreichen betrieblichen Veränderungsprozess. Frühzeitig und gezielt muss intern eine aufklärende und zugleich partizipativ angelegte Kommunikation über viele Kanäle einsetzen, um Ängsten oder gar Ressentiments gleich von Anfang an zu begegnen. Zu einer solchen Kampagne gehören unter anderem: Veranstaltungen, Intranet, Mitarbeiter-Magazine, Filme. Wie genau die internen Maßnahmen aussehen könnten, wird derzeit vom zuständigen Kompetenzcenter entwickelt. Schließlich sollen die derzeit 730 Angestellten in allen Sparten der Unternehmensgruppe animiert werden, sich zu engagieren und aktiv Ideen und Erfahrungen aus ihrem Umfeld einzubringen. Dabei sind auch Tandems wichtig: junge und ältere Mitarbeiter gemeinsam, ebenso wie solche, die schon lange im Unternehmen tätig sind und die, die erst neu dazu gestoßen sind.

Den Blick von innen nach außen richten

In der Vergangenheit richtete sich der Blick im Unternehmen beim Thema IT-gestützte Anwendungen vor allem auf die Optimierung und Modellierung interner Arbeitsprozesse. „Dies wirdauch weiterhin ein wichtiger Bestandteil unserer Digitalisierungsstrategie sein“, so Hains Geschäftsführungskollege Dr. Constantin Westphal, unter anderem zuständig für die Immobilienbewirtschaftung. „Ergänzend halten wir jedoch Ausschau nach potenzialträchtigen digitalen Services der Zukunft. Solche innovativen technischen Möglichkeiten möchten wir nutzen, um neue gewinnbringende Geschäftsfelder für den Konzern zu erschließen. Wir bedienen zudem neue Zielgruppen und eröffnen Märkte, indem wir ein digitales Portfolio entwickeln.“

Insbesondere im Bereich der Immobilienbewirtschaftung mit ihren vielfältigen Anforderungen im Kundenkontakt bieten sich interessante Ansätze für IT-gestützte Kommunikations- und Serviceleistungen. Westphal: „Es kommt uns sehr entgegen, dass der wachsende Bedarf in der Immobilien- und Wohnungsbranche bereits eine Reihe von smarten IT-Produkten und -Services hervorgebracht hat. Wir sehen uns derzeit auf dem Markt um, welche Lösungen für uns interessant sein könnten.“ Anbieter seien meist branchenfremde Entwickler und Startups, die mit einem frischen Blick auf traditionelle Prozesse schauen. Etablierte Unternehmen dürften hier nicht den Anschluss verpassen. In ersten Pilotprojekten mit Partnern wie barzahlen.de, allthings.de oder Kiwi.Ki sammelte das Wohnungsunternehmen Erfahrungen mit neuartigen Anwendungen. Westphal: „Damit können wir unser Kerngeschäft in Zukunft sinnvoll ausbauen. Im Idealfall lassen sich so aus ergänzenden Dienstleistungen zusätzlicher Umsatz bis hin zum Aufbau neuer Geschäftsfelder generieren.“

Frische Ideen zur Marktreife führen

Laut einer Umfrage des Handelsblatts erzielen bereits 38 Prozent der mittelständischen Unternehmen in Deutschland eine Digitale Dividende – das heißt: die erzielten Vorteile übersteigen die Kosten für die bisher umgesetzten Digitalisierungsprojekte. „Ein Grund mehr für uns, sich aktiv in diesem Markt zu bewegen, um die richtungsweisenden Trends frühzeitig zu erkennen und daran zu partizipieren“, schildert Kompetenzcenterleiter Dr. Groth die Beweggründe. Nicht zuletzt unter diesem Gesichtspunkt schaue man mit großem Interesse auf die zahlreichen Teilnehmer eines Contests, ausgelobt von hubitation, dem Accelerator für Startups, den die Unternehmensgruppe 2018 als eigene Marke initiierte. Mit ihrer jahrzehntelangen Erfahrung wollen die Experten der Unternehmensgruppe vielversprechende Ideen rund um die Wohnungswirtschaft fördern und als fairer Senior-Partner auf dem Weg zur Marktreife begleiten. „Dabei lassen wir uns gerne von großen Vorbildern leiten“, erläutert Dr. Hain und hält es mit Mahatma Ghandi: „Wenn du etwas zwei Jahre lang gemacht hast, betrachte es sorgfältig. Wenn du etwas fünf Jahre lang gemacht hast, betrachte es misstrauisch. Wenn du etwas zehn Jahre lang gemacht hast, mache es anders!“

Neben gezielten Besuchen des hubitation-Teams von Startup-Messen und -Events fanden auch mehrere Lunch Dates von Startup-Verantwortlichen mit den drei Geschäftsführern der Unternehmensgruppe statt. Ein großes, auch internationales Echo aus der Startup-Szene erfuhr der vom hubitation-Team gelaunchte Contest rund ums Wohnen der Zukunft. Im Rahmen einer Startup Week in Frankfurt am Main verfeinerten die sieben ausgewählten Gründer ihre Geschäftsideen im Austausch mit  Sparringspartnern aus der betrieblichen Praxis der Unternehmensgruppe. Klaus Straub, der für hubitation verantwortliche Leiter IT der Unternehmensgruppe: „Die im Deutschen Architekturmuseum (DAM) von unserer Fachjury ausgewählten besten Startup-Konzepte dürfen auf der Expo Real

an unserem Messestand ihre Produkt- und Dienstleistungsideen präsentieren, die im Anschluss nach Möglichkeit gemeinsam umgesetzt werden.“ Mit dabei am Stand sind 2018 gleich zwei Startups: Das Berliner Startup fresh energy (www.getfresh.energy.de), das eine App entwickelt hat, die den Stromverbrauch aller Geräte im Haushalt darstellt. Ebenfalls siegreich: Smartivate (http://smartivate.de), der Smart Home Konfigurator für maßgeschneiderte Lösungen, passend zu Budget und Wohnverhältnissen.

Warum externe Unterstützung?

„Ein Konzern hat – und hier unterscheidet sich die Unternehmensgruppe nicht von anderen großen Corporates – systemimmanent eine eher gering ausgeprägte Innovationskraft. Einem Incubator – dem klassischen Brutkasten für Inhouse-Ideen – haben wir deshalb geringere Chancen eingeräumt“, so Hain. hubitation hingegen sieht er als Brückenbauer: „Unser Accelerator versucht zunächst Impulse aus dem kreativen, innovativen und derzeit stark wachsenden Startup-Ecosystem für das Unternehmen zu generieren und dann in der Praxis zu nutzen.“ Mit diesen Bestrebungen ist der Konzern auch kein Einzelfall, denn es gibt zurzeit zahlreiche derartige Brücken in der Wirtschaft, die ähnliche Ziele verfolgen und traditionellen Corporates einen innovativen Anstrich verpassen. Eine der Bedingungen der Unternehmensgruppe: Deren festgelegte Werte und Ziele sind von den Startup-Partnern, deren Produkten und Dienstleistungen exakt so zu verwirklichen, zu transportieren und umzusetzen. Dr.-Ing. Simone Planinsek, hubitation head of innovation: „Das erfordert natürlich ein intensiveres Briefing potentieller Startup-Partner, erhöht allerdings auch die Passgenauigkeit der von außen gegebenen Impulse zu den Geschäftsfeldern der Unternehmensgruppe. Dass wir uns dieser Angelegenheit persönlich annehmen – und nichtetwa andere Akteure in diesem agilen Markt damit beauftragen – kommt im Übrigen in der Startup-Community sehr gut an!“