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9. März 2019

Wohnungskonzern pusht Start-up-Kultur

Die Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte | Wohnstadt launcht ihr erstes Pilotprojekt mit dem Berliner Start-up Fresh Energy: Smart Meter halten Einzug in die Wohnungswirtschaft. Weitere Projekte mit jungen Property Techs stehen kurz vor der Realisierung.

Zwischen einer exzellenten Idee und einem funktionierenden Businesskonzept liegen häufig Welten – das ist die Quintessenz der „Proptech-Study“ der Union Investment und des German Tech Entrepreneurship Center (GTEC). Weltweit wurden rund 100 Start-ups im Bereich digitale Transformation der Immobilienwirtschaft (Property Technologies) befragt, das Ergebnis ist eher ernüchternd. „Regulierung, IT-Sicherheit und Dokumentationspflichten kombiniert mit einer Vielzahl festgelegter Prozesse wirken auf die Start-ups wie ein Hindernis-Parcours, der Kooperationen mit den etablierten Immobilienunternehmen den Weg versperrt“, resümiert Jörn Stobbe, Geschäftsführer der Union Investment, die Erkenntnisse aus der Studie. „Langsame und anstrengende Entscheidungsprozesse“ nennen 52 Prozent der jungen Unternehmen als Hauptproblem, außerdem wünschen sich die Start-ups von den „Grown-ups“ „höhere Risikobereitschaft“ und „größere Offenheit für unterschiedliche Kooperationsmodelle“. Kurz: Kanu trifft auf Tanker.

Start-ups werden kultiviert

Wie jedoch ein Big Player der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft innovativen Ideen von Gründern den Weg bereitet und zwischen beiden Welten überraschend schnell Brücken schlägt, beweist die Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte | Wohnstadt seit einem Jahr mit ihrem Start-up-Accelerator hubitation. In einem groß angelegten Wettbewerb im Frühjahr vergangenen Jahres wurden zwei Sieger gekürt, die das größte hessische Wohnungsunternehmen später mit zur internationalen Fachmesse Expo Real nahm. Doch damit endete das Engagement nicht: In enger Kooperation mit „Mentoren“ entwickelten die beiden Wettbewerbsgewinner und ein weiteres Start-up ihr Geschäftsmodell praxisnah weiter – zu einem konkreten, realisierbaren Pilotprojekt. „Wenn Innovation auf Erfahrung trifft, nennen wir das hubitation“, beschreibt der Leitende Geschäftsführer der Unternehmensgruppe, Dr. Thomas Hain, die Philosophie des Konzerns, die hinter diesem überdurchschnittlichen Engagement steht.

Smart Meter mit passender Software sparen Energie

Am weitesten fortgeschritten ist die Zusammenarbeit mit Fresh Energy. Anfang 2019 unterzeichnete das Berliner Startup Fresh Energy den Vertrag mit dem Konzern über ein Pilotprojekt: In vier typischen Wohnblöcken der Wohnungsgesellschaft werden intelligente Messgeräte für den Allgemeinstrom installiert. Sie erfassen den Stromverbrauch, der in allgemein zugänglichen Bereichen eines Wohngebäudes anfällt – wie die Beleuchtung im Flur und im Außenbereich sowie Aufzüge. Die Messgeräte schicken die Verbrauchswerte an einen zentralen Rechner, in dem eine eigens entwickelte Software mithilfe selbstlernender Algorithmen die Daten einzelnen Verbrauchern zuordnet. Mithilfe einer App kann sich die Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte I Wohnstadt in das Portal von Fresh Energy einwählen und die Verbrauchsdaten in Echtzeit prüfen. Das Berliner Startup erzielt dank Einsatz seiner Technik bereits durchschnittlich zehn Prozent Einsparungen im Stromverbrauch privater Haushalte. Das Pilotprojekt soll das Potential nun auf den Allgemeinstrombereich übertragen.

Bei einem Gesamtverbrauch von rund 160 Megawattstunden im Jahr in fast 60.000 Wohnungen ist dies ein echter Gewinn. Zum einen natürlich für die Mieter, die geringere Nebenkosten zahlen und höhere Sensibilität für Energieverbräuche entwickeln. Zum anderen aber auch für die Umwelt, da Ressourcen geschont und CO2 eingespart werden – ganz im Sinne der Nachhaltigkeitsstrategie der Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte I Wohnstadt. Rund 40.000 Euro investiert sie in das richtungsweisende Vorhaben. Adrian Beyertt, Business Development Fresh Energy:

„Für uns als Startup ist das Pilotprojekt mit der Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte I Wohnstadt ein Meilenstein, da wir unsere Erfahrungen mit privaten Haushalten in die Wohnungswirtschaft übertragen können. Gemeinsam können wir so einen echten Mehrwert für das größte hessische Wohnungsunternehmen und seine Mieter schaffen.“

Weitere Startups bringen Projekte zur Marktreife

Dr. Simone Planinsek, Projektleiterin Innovationsmanagement, bekräftigt: „Der erste Wettbewerb war aus unserer Sicht ein voller Erfolg.“ Klaus Straub, Leiter IT, ergänzt: „Unsere Initiative ist noch weit besser angekommen, als wir uns dies erhofft hatten. Hemmnisse zwischen uns als etablierten Unternehmen und den Start-ups habe ich nicht gespürt.“ Sichtbarer Zeichen hierfür: Weitere Pilotprojekte sind bereits in der Pipeline. Sehr nahe an der Ziellinie sind auch die Münchner „Wohnungshelden“, sie wollen den Vermietungsprozess mithilfe digitaler Vernetzung revolutionieren. Große Bestandhalter im Immobilienbereich sollen mit der Software bis zu zehn Prozent weniger Zeit pro Vermietung brauchen, eine höhere Transparenz und Kundenzufriedenheit erreichen und zudem noch den datenschutzrechtlichen Bestimmungen leichter entsprechen.

Nicht ausschließlich auf die Immobilienwirtschaft fokussiert hingegen ist „TalentZ“. Vor dem Hintergrund des immer gravierender zutage tretenden Fachkräftemangels entwickelte das Frankfurter Start-up eine Sharing-Börse, bei der Unternehmen zeitweise für bestimmte Projekte gegenseitig Fachkräfte ausleihen. Dies generiert Vorteile für alle Beteiligten: Die Firmen binden ihre High-Potentials mit einem attraktiven Programm, die Partnerbetriebe haben genug Fachkräfte für ihre Projekte und die jungen Talente erweitern ihren Horizont, lernen andere Branchen und Herausforderungen kennen. Auch mit der Fachkräfte-Tauschbörse von TalentZ wird die Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte | Wohnstadt wohl ein Pilotprojekt umsetzen. Mit weiteren Gründern laufen derzeit noch Verhandlungen.

Pilotprojekte bringen Start-ups und Grown-ups näher

Rund 1.600 Start-ups im Immobilienbereich gibt es laut GTEC in Europa, etwa dreihundert davon haben ihren Sitz in Deutschland. Berlin ist die Metropole für junge Property Technology-Gesellschaften, etwas über die Hälfte der Gründer haben hier ihre Büros. Eine erfolgreiche Innovations-Strategie eines etablierten Unternehmens arbeitet möglichst nah an der Praxis und folgt somit auch der wirtschaftlichen Realität – das ist eines der Ergebnisse der Proptech-Studie. Pilotprojekte sind demnach für fast alle teilnehmenden Start-ups der wichtigste Weg, um mit ihren Denkanstößen und letztendlich in der Praxis weiterzukommen. Joint Ventures und Sparrings mit Experten genießen ebenfalls eine hohe Bedeutung. Diesem Ansatz ist die Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte | Wohnstadt mit hubitation von vorne herein konsequent gefolgt. Dr. Planinsek: „Wir verstehen unseren Accelerator als einen Ort, an dem wir die Ideen von Gründungsinteressierten mit unserem Know-how zusammenbringen.“ Das ist durchaus wörtlich zu nehmen. Bereits während des Contests stellte hubitation den Bewerbern Mentoren – Führungskräfte aus dem eigenen Haus und externe Trainer – zur Seite. Zusammen mit den Start-ups arbeiteten sie an deren Ideen und schnitten diese auf die Bedürfnisse im Branchenalltag zu. Erst diese, bereits sehr marktgerechte Skizze des künftigen Geschäftsmodells wurde der Jury präsentiert und entschied letztendlich über die Platzierung.

Labor für Innovationen

Dieses Annähern an die Realitäten der Branche bereits während des Contests unterscheidet den Wettbewerb von anderen seiner Art. Das würdigten die Start-ups unisono. „Mit hubitation konnten wir die Nachfrage der Wohnungswirtschaft genau identifizieren: Das Expertenwissen der Sparringspartner hat uns entscheidend dabei geholfen, unser Produkt auf die speziellen Bedürfnisse der Wohnungswirtschaft zuzuschneiden“, resümierte etwa Sebastian Dahnert von Smartivate. Avdesh Chaudhary von AridGreen assistiert: „hubitation war für uns eine wunderbare Gelegenheit, unser innovatives Produkt mit dem Wissen und dem Know-how der Nassauischen Heimstätte weiterzuentwickeln.“

Die Kooperation mit den Experten während des Contests wird in diesem Jahr aufgrund der guten Erfahrungen weiter ausgebaut: Die Mentoren, die die Start-ups betreuen, sollen um zusätzliche Spezialisten aus dem Mitarbeiterkreis ergänzt werden, um das operative Fachwissen möglichst früh in den Prozess miteinzubringen. Dr. Hain verrät den Gedanken dahinter: „hubitation verstehen wir als ein Labor, in dem mithilfe unserer über 100jährigen Erfahrung innovative Ideen zu realen, marktkonformen Geschäftsmodellen reifen. Es geht um nichts weniger als um die Zukunft der Branche – das muss uns allen ein paar intensive Arbeitsstunden Wert sein.“

Runde zwei des hubitation-Contest eingeläutet

Für die Neuauflage seines Wettbewerbs sucht hubitation Start-up-Ideen, die innovatives Wohnen und Leben mitgestalten. Im Fokus stehen dabei Smart Living, energetische und soziale Quartiersentwicklung, Wohnungsbau und -management sowie erstmals auch die Stadtentwicklung. Teilnehmen können junge Gründer mit einer guten Idee – egal, ob es sich um eine Dienstleistung, eine Technologie, neue Planungsansätze oder ein neues Produkt handelt. Aus den Einsendungen trifft die Jury eine Vorauswahl, die dann mithilfe von erfahrenen Mentoren und Fachkräften aus der Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte | Wohnstadt ihre Idee zu einem konkreten Projekt ausformulieren. Unter diesen Projektskizzen kürt die Jury einen Sieger, der sein Geschäftsmodell auf dem Stand der hessischen Wohnungsgesellschaft bei der Expo Real präsentieren darf. Ideen mit einem Nutzen für die Immobilienwirtschaft verarbeiten die jungen Firmen dann zusammen mit ihren Mentoren weiter zu Pilotprojekten. Einsendeschluss für Bewerbungsvideos ist der 31. Mai 2019. Nähere Informationen zum neuen Contest auch unter hubitation.de/contest